Ganz bei mir

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Und manchmal,
wenn ich ganz leise werde
und endlich nicht mehr
krampfhaft versuche,
mich selbst zu überholen,
höre ich Deine Einladung:

Ich darf
in mir zu Hause sein
weil Du in mir wohnst.
Komm,
es ist alles bereit.

 

Diese Bild-Text-Kombination war (wie die Fotos der letzten Artikel dieses Blogs) Teil der Fotoausstellung „Zuhause“ der Hoffnungskirche Bielefeld zu den Bielefelder Nachtansichten 2017.

Gerade zum Beginn einer neuen Alltagswoche mit vielen Unsicherheiten will ich mir bewusst sein, dass ich zuallererst nicht machen muss, sondern sein darf.

 

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Zwischen Himmel und Erde

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Suche ich
dieses „ganz wie früher“,
den Geruch eines Zimmers,
vertraute Sätze,
gewohnten Gang
auf hohlgetretenem Pfad,
das Lametta der Kindheit?

Suche ich
das „endlich am Ziel“
den Engelgesang
reinweiß und strahlend,
die Tränen vergessen,
alles perfekt streifenfrei glänzend
auf Wolke Sieben?

Zuhause
finde ich doch nur dazwischen:
Hier und jetzt
ist auch immer
nicht mehr und noch nicht,
zwischen Erde und Himmel,
in Suche und Weg.

 

Diese Bild-Text-Kombination war (wie auch die Fotos der letzten beiden Artikel dieses Blogs) Teil der Fotoausstellung „Zuhause“ der Hoffnungskirche Bielefeld zu den Bielefelder Nachtansichten 2017. Dieses Foto ist im Dezember 2016 auf dem Forggenhof entstanden.

 

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Zurückkommen

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Zweidreimal im Jahr komme ich zurück in das Dorf meiner Kindheit, zu Eltern und Oma, wo manches noch allzu vertraut ist, aber vieles natürlich inzwischen ganz anders. Ich übernachte in einem Gästezimmer, das keinem verrät, dass es einmal Kinderzimmer war. Ich erhasche einzelne Schlüssellochblicke in die Siebziger, Achtziger Jahre, aber das Leben geht weiter. Dieser Blick in den Schuppen entstand vor 3 Jahren. Inzwischen sind auch Nichten und Neffen aus dem Spielzeug herausgewachsen, und es hat neue Besitzer gefunden.

„Ach damals…“ denke ich mit augenzwinkernder Melancholie und bin doch froh und dankbar, dass die Zeit eben nicht stehengeblieben ist. Mein Weg ist weitergegangen. Wenn ich zurückkomme, dann bin ich Besucher. Mein Heimweg führt mich wieder hinaus.

Manchmal, vereinzelt, unregelmäßig komme ich auch zurück zu Ideen, Einfällen, Wünschen, Träumen, die einfach liegengeblieben sind. Heruntergefallen von meinem Karren voller Gedanken, Absichten, Vorsätze und Pläne, weil er einfach immer viel zu voll und mein Alltag auch oft etwas holprig ist.

Ich begegne so einem fallengelassenen Wunsch, hebe ihn auf und sehe ihn mir noch einmal an. Vielleicht lege ich ihn gleich wieder dort hin – eine nette Idee, aber mal ehrlich doch völlig unrealistisch. Der Wunsch hat seine Zeit gehabt, aber die ist vorbei.

Oder ich lade ihn wieder auf – „wäre ja doch ganz schön irgendwie“ – ziehe weiter und habe ihn nach ein paar Tagen oder vielleicht auch Wochen dann doch wieder verloren.

An manchem verlorenen Wunsch komme ich immer mal wieder vorbei und mag ihn nicht einfach liegen lassen. Auch wenn er vielleicht jahrelang nur da lag. Und lade ihn wieder auf. Und viel später nochmal wieder. Und wieder. Und vielleicht bildet sich auf meinem übervollen Karren allmählich doch eine kleine Kuhle, wo er seinen Platz im Leben findet…

Halbwegs kontinuierlich bloggen zum Beispiel. Das wäre so ein Wunsch.

 

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…und Zuhause

Das ganze Lesen, Denken, Schreiben um Heimat in den letzten Tagen hat mich an eine Beschäftigung mit einem ganz ähnlichen (aber vermutlich weniger vereinnahmungssgefährdeten) Begriff vor knapp einem Jahr erinnert: Zuhause.

Hier in Bielefeld gibt es alle Jahre wieder am letzten Aprilsamstag die Nachtansichten – eine Nacht der Museen, Kirchen und Galerien, in der inzwischen über 50 solcher Kulturorte zwischen 18 und 1 Uhr ein besonderen Programm anbieten. Seit 2009 beteiligt sich auch meine Kirchengemeinde daran, wenn wir es mit unseren ehrenamtlichen Ressourcen leisten können.

2017 stand unser Beitrag (mit dem wunderbaren Duo 2Flügel als Bühnen-Highlight) unter dem Titel Zuhause. Dieser Titel war angeregt durch eine Ziel-Formulierung für unsere Gemeindearbeit „Menschen ein Zuhause geben“. An diesem Abend haben wir unter anderem Fotos mit Texten (Zitatsätze, Gedichtetes, oder auch nur ein Titel) ausgestellt, die Fragen anrissen wie: Was macht für mich Zuhause aus? Was gehört neben vertrauten Orten noch dazu?

Einen Teil der Fotos durfte ich selbst beitragen, einige davon auch mit eigenen, andere mit gefundenen Texten. Mit diesem und den folgenden Blogposts möchte ich ein paar von diesen Bildern und Texten vorstellen. Hier ist das erste:

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In der Ausstellung wurde das Bild begleitet von dem Liedtext „B96“ von Silbermond. Aufgenommen habe ich es in einem niedersächsischen Dorf, in das es mich nie verschlagen hätte, wenn ich nicht ein besinnliches Wochenende in dem kirchlichen Tagungshaus verbracht hätte, das sich dort versteckt hält.

Der exakte Ort ist eigentlich auch egal. Es hätte genausogut der inzwischen verschwundene Kaugummiautomat im Dorf meiner Kindheit sein können. Dieses eine Bild von irgendwo öffnet ein ganzes Fotoalbum voll alter Heimat in meinem Kopf:

Da ist der Tante-Emma-Laden, den es schon so lange nicht mehr gibt, dass ich fast ganz vergessen habe, wie er von innen aussah.
Die Bauernhausdiele mit dem eigenartigen Geruchsgemisch aus Vieh, Heu und unbehandelter Milch, wo wir uns die scheppernde Blechkanne füllen ließen.
Der sommerliche Eisverkauf an einer ganz normalen Haustür, zu der wir barfüßig über den heißen Asphalt gepilgert sind. Neben der Tür die Langnese-Tafel, auf der das Cornetto eine ganze Mark kostete, ein Brauner Bär aber zum Glück nur die Hälfte.

Die abschüssige Sackgasse zum Spritzenhaus, die ganz uns Kettcar- und Bonanzaradfahrern gehörte, und in der wir einander unseren Wegezoll in großen flaumigen Haselnussblättern bezahlten.
Der Birnbaum an der Garagenmauer, über den man mit etwas Geschick und absolut verboten auf das flache Well-Eternit-Dach klettern konnte.
Der kleine Bach hinterm Haus, in den man auf gar keinen Fall hineinstolpern durfte, weil die Klärgruben-Abwasserrohre der angrenzenden Grundstücke in ihn mündeten. Trotzdem war die holunderbewachsene Böschung zwischen Grenzmauer und Bach unser ganz eigenes Paradies, in dem wir mit verwitterten Stahlrohrstühlen und anderem Trödel ein Vatermutterkind-Zuhause bauten.

Die dämmrigkühlen Morgenminuten an der Schulbus-Haltestelle und die angespannten Hausaufgaben-Endspurts im Bus.
Das zu Beschämung geronnene Gelingen, als ich, der schlechteste Werfer von allen, im Streit aus großer Entfernung ein Stück Knochen nach einem Nachbarsmädchen warf — und sie tatsächlich traf. Am Kopf. Die Platzwunde musste ärztlich behandelt werden.
Oder der einzige Versuch, eine der beiden alten Torlinden des gegenüberliegenden Bauernhofs zu bezwingen, der jäh endete, als ich in 4m Höhe aus einer Astgabel abrutschte. Mittelfußbruch, Schädelriss, einige Minuten Filmriss, einige Wochen liegen. Ich habe verdammtes Glück gehabt. Ich hätte auch auf das Gittertor fallen können.

Ich kann mich kaum erinnern, unseren Dorfkaugummiautomaten überhaupt mal benutzt zu haben. Ein halbes Dutzend Mal vielleicht…

Das Dorf, in dem ich den fotografierten Automaten gefunden habe, hat übrigens den poetischen Namen Hanstedt II. In Worten: „Hanstedt Zwei“, das ist doch zum Auf-der-Zunge-zergehen-Lassen. Vielleicht zu verträumter Versenkung in dieses andere Foto, das ich dort auch noch von ihm gemacht habe:

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Heimat…

Inneres und Heimat – what’s next?
Ministerium für…
…Wirtschaft und Erfolg?
…Finanzen und Wohlstand?
…Soziales und Geborgenheit?

Soso, der künftige Innen- soll also auch ein Heimatminister sein…
Die politische Verwendung des Begriffs „Heimat“ ist mir suspekt. Zu sehr klingt diese Verbindung danach, dass da etwas nostalgisch Erinnertes vor dem wachsenden Neuen, dem im Moment noch Fremden geschützt werden soll. Zu naheliegend scheint mir, dass dieses „Heimat“ einen vermeintlichen Besitz meint, den es zu wahren gelte.

Wenn das künftige Heimatministerium denn dazu beiträgt, dass alle Menschen, die in diesem Land leben, in ihm eine Heimat finden — gut, dann habe ich mich geirrt. Ach, das wäre schön!

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Für mich ist „Heimat“ vor allem ein emotionaler Begriff. Ganz im Sinne der Grönemeyerschen Liedzeile

Heimat ist kein Ort, Heimat ist ein Gefühl.

Wenn ich selbst meine „alte Heimat“ erwähne, meine ich natürlich auch die Stadt Kiel und ihr Umland, aber ich nenne sie so, um gerade den #hach-Aspekt zu betonen, den der Gedanke an Kiel für mich nun einmal hat.

Ich meine das Schatzsuchergefühl beim Stöbern in Plattenläden, die es heute nicht mehr gibt. Ich meine das glückliche Trödeln auf dem Freitagmittag-Heimweg von der Schule und den unbeschwerten Semesteranfangs-Optimismus meiner Studentenzeit. Ich meine die Kneipengänge mit einem Freundeskreis, der heute über ganz Deutschland und weiter verstreut ist. Ich meine die ersten gemeinsamen Jahre mit der Frau, die mich nun schon mein halbes Leben erträgt begleitet.

Was daran auch deutlich wird: Heimat hat mit Menschen zu tun. (Sogar für Nerds wie mich.) Dass ich heute einige hundert Kilometer von Kiel entfernt nicht nur einen Wohnsitz, sondern eine Heimat habe, verdanke ich *zig Menschen. Ohne die wäre es nicht so. Wohnung, Arbeit, Infrastruktur und Landschaft allein ergeben noch keine Heimat. Wenn also ein Heimatministerium seinem Namen gerecht werden soll, müsste es vielleicht vor allem dafür sorgen, dass jeder einige Menschen hat, die ihm Heimat geben…

Nachtrag

Kurz nach diesem Post ist mir ein Artikel über den Weg gelaufen, den ich hier unbedingt noch erwähnen möchte: http://www.zeit.de/kultur/2018-02/heimatministerium-heimat-rechtspopulismus-begriff-kulturgeschichte .

Warum denn?

Nach dem lyrischen Auftakt jetzt ein Bisschen Prosa zum Start dieses Blogs: Was gab den Anstoß? Warum dieser Name? Und was soll das bloß noch werden?

Der Anstoß

In den letzten Monaten habe ich in Nachrichten, Kommentaren, Diskussionen immer deutlicher wahrgenommen, dass die Achtung von Menschen (einfach weil sie Menschen sind), die Suche nach Verständigung und Einigung und die Ablehnung von Gewalt keine Selbstverständlichkeit sind. Ein Mensch muss offenbar nicht unbedingt die unter’m Strich beste Lösung für alle wollen.

Sehr leicht machen wir (bewusst oder unbewusst) eine Unterscheidung zwischen uns und den anderen. Wir ziehen Grenzen. Wenn mir so eine Grenze in meinem eigenen Denken bewusst wird, kann ich zwei Richtungen einschlagen: ich kann mich bemühen, die Grenze zu befestigen, oder sie zu öffnen. Ich kann in Abgrenzung von den anderen Sicherheit suchen oder ich kann sie als Gegenüber, als Du oder Ihr ansehen und von der Begegnung eine gegenseitige Bereicherung erwarten.
Ich kann eine Mauer bauen — oder überwinden.

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Nach meinem Eindruck sind die Stimmen, die nach einem sehr begrenzten Wir rufen und mit den anderen möglichst wenig zu tun haben wollen, in den letzten Monaten lauter geworden. Auf der anderen Seite begegne ich off- und online Menschen, die ganz großartig einladen zu offener Begegnung, respektvollem Umgang und zum Blick auf das, was Wir alle gemeinsam brauchen. In meiner Twitter-Timeline z.B. Kübra Gümüşay, Richard Rohr und Johnny Haeusler — ich danke Euch! Beide, der zwischenmenschliche Klimawandel und die ermutigenden Mitmenschen, haben mich angeregt, zu versuchen, eigene Worte und Bilder öfter zu teilen.

Der Name

Auch wenn es weit verbreitet und viel einfacher ist, über Ärgernisse und Schuldige zu schimpfen, will ich trotzdem einen versöhnenden, wertschätzenden, dankbaren Blick üben.
Und wenn der Newsfeed von gestern mal wieder den Eindruck erweckt, es wär sowieso schon alles egal, will ich trotzdem einfach mal so tun, als ob Du und ich gerade hier und heute den entscheidenden Unterschied machen.

Auch wenn mir das reine re-agieren mit Likes, Retweets und Kommentaren viel leichter fällt, möchte ich trotzdem formulieren und teilen, was mich selbst bewegt.
Auch wenn meine bisherigen Blog-Anläufe unter „Na toll.“ vor Jahren versandet sind, fange ich trotzdem einfach mal wieder an und probiere Neues aus.

Auch wenn ich mich allzuoft von geizigem Perfektionismus ausbremsen lasse, will ich trotzdem immer wieder einfach anfangen, losschreiben und meine Zeilen unbeschwert freilassen.
Ich möchte ausprobieren, mit heiterem Ernst, ohne Plan, gewichtig und leicht. Ich möchte Unnötiges tun, unfertig sein, „mit ganzem Herzen neue Fehler machen“ .
Ich wähle die unbeschilderten Wege, riskiere Sackgassen und erlaube mir die unbeschwerte Beharrlichkeit eines kindlich naiven „Tropsdem!

Was kommt…

…weiß ich auch nicht genau. Sicherlich eigene Fotos, manche mit lyrischen Texten, andere vielleicht nur mit einem Stichwort. Vielleicht auch mal lose gesponnene Gedanken wie in diesem Post, über Gott und die Welt und mich selbst. Oder Strandgut, das das große weite Netz an mein Ufer gespült hat. Es kann um POP, Kultur und Stille gehen, um große Momente und alltäglichen Kleinkram, um Gefühle und Wortspiel, um Gott und um Quatsch. Ich bin selbst gespannt…

tl;dr

Der Anstoß: Da ist so viel Wir und die anderen.
Ich suche das Du und ich, und wo geht’s denn hier zum Wir alle?
Der Name ist kurz, merkbar, beinahe verwechslungssicher und war tropsdem noch als WordPress-Domain verfügbar.
Was kommt, weiß nicht mal der Autor. Dies ist ein Pralinenschachtel-Blog.

Tropsdem!

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Wenn das Dunkelgrau mal wieder übermächtig scheint.
Wenn das ganze doch noch gar nicht zu Ende gedacht ist.
Wenn genug andere das doch auch schon versucht haben.
Wenn die letzten Versuche allesamt kläglich gescheitert sind.
Wenn „Wie willst du das denn noch schaffen?“
und „Du wirst schon sehen…“
Tropsdem.
So unfertig wie ich bin.
Nicht irgendwann, sondern jetzt.
Ohne den Perfektionismus um Erlaubnis zu bitten.
Augenzwinkernd verschworen mit dem inneren Kind.
Mit lauter Fragen. Und dieser Handvoll Neugier und Mut.
Kein Plan. Eine Idee für den nächsten Schritt. Das reicht für heute.